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Simchat Tora: Von Israel zur Menschheit

Heute, an Simchat Tora, lesen wir den letzten Abschnitt der Tora: Wesot HaBracha.

In diesen Versen segnet Mose das Volk Israel vor seinem Tod. Er segnet jeden Stamm einzeln. Und wie Raschi erklärt, beziehen sich viele dieser Segenssprüche auf das, was die Stämme später im Land Israel tun werden.

Juda wird mit Kraft gesegnet, um seine Feinde zu besiegen. Das passt zu seiner Rolle als Stamm von Kriegern und später auch als königlicher Stamm.

Levi wird damit verbunden, Recht zu lehren und Recht zu sprechen. Benjamin erhält einen besonderen Segen, der mit dem Tempel verbunden ist, der später in seinem Gebiet stehen wird.

Josef wird ein Land mit viel Wasser und reichen Früchten zugesprochen.

Und auch Dan, Naftali und die anderen Stämme erhalten jeweils ihren eigenen Segen, der mit dem Land verbunden ist, das sie später erhalten.

Es ist deshalb interessant, dass der Abschnitt, den wir heute Abend lesen, so eng mit dem Land Israel verbunden ist. Denn Simchat Tora selbst ist nicht im Land Israel entstanden.

Im Land Israel wurde zur Zeit der Mischna und des Talmuds die Tora traditionell in einem Zyklus von drei Jahren gelesen. Der Brauch, die gesamte Tora innerhalb eines Jahres zu lesen, entwickelte sich in Babylonien.

Und wenn man die Tora beendet hatte, wurde gefeiert.

In diesem Sinne ist Simchat Tora in gewisser Weise ein Fest der Diaspora. Es ist ein Fest, das in Babylonien entstanden ist, in einer jüdischen Gemeinschaft außerhalb des Landes Israel.

Wir beenden die Tora mit einem Text, der eng mit dem Land Israel verbunden ist.

Und dann öffnen wir die Tora sofort wieder und beginnen von vorne: mit Bereschit, dem Buch Genesis.

Und plötzlich verschwindet das Land Israel.

Die ersten Kapitel der Genesis gehören zu den universellsten Texten der gesamten Tora. Sie handeln nicht von einem bestimmten Volk und nicht von einem bestimmten Land.

Sie erzählen von der Schöpfung der ganzen Welt und den ersten Menschen.

Sie erzählen von den ersten Fehlern der Menschen: vom Essen aus dem Baum der Erkenntnis, vom Verstecken vor Gott und schließlich vom Mord Kains an seinem Bruder Abel.

Und vielleicht noch wichtiger: Sie erzählen von der Menschheit selbst.

Bevor es Israel gibt, bevor es das jüdische Volk gibt, bevor es das Land Israel gibt, gibt es den Menschen.

Genesis erinnert uns daran, dass alle Menschen denselben Ursprung haben.

Und alle Menschen haben dieselbe Möglichkeit: Wir können Gutes tun, und wir können Böses tun.

Der Talmud macht diesen Gedanken im Traktat Sanhedrin sehr deutlich.

Er fragt: Warum wurde Adam als ein einziger Mensch geschaffen und nicht gleich als viele Menschen?

Eine Antwort lautet: Damit niemand sagen kann:

„Meine Vorfahren waren gerecht, deshalb bin auch ich gerecht.“

Oder:

„Meine Vorfahren waren böse, deshalb kann ich nicht anders sein.“

Adam wurde als ein einziger Mensch geschaffen, damit niemand behaupten kann, dass sein Charakter durch seine Herkunft bestimmt ist.

Auch ein gerechter Mensch kann nicht sagen: „Ich komme aus einer gerechten Familie. Deshalb ist meine Gerechtigkeit selbstverständlich.“

Auch ein gerechter Mensch muss sich jeden Tag darum bemühen, gerecht zu sein.

Gerechtigkeit ist kein Erbe.

Wir bekommen sie nicht automatisch von unseren Vorfahren.

Aber dieser Gedanke gilt auch in die andere Richtung.

Ein Mensch, der aus einer schwierigen oder schlechten Familie kommt, kann nicht sagen: „So bin ich eben. Ich kann nichts daran ändern.“

Dass Adam als ein einzelner Mensch geschaffen wurde, bedeutet: Jeder Mensch hat grundsätzlich die Möglichkeit, Gutes zu tun.

Niemand ist dazu bestimmt, für immer böse zu bleiben.

Wir beenden die Tora mit der besonderen Geschichte Israels: seinen Stämmen, seinem Land, seiner Geschichte und seiner Zukunft.

Und dann beginnen wir wieder mit der Geschichte der gesamten Menschheit.

Die Tora beginnt mit allen Menschen. Erst später wird sie zur Geschichte eines bestimmten Volkes.

Wir sind Juden, weil wir zu einer bestimmten Geschichte, einem bestimmten Volk, einer bestimmten Tradition und einem bestimmten Bund gehören.

Aber gleichzeitig erinnern wir uns jedes Jahr daran, dass wir zuerst und vor allem Menschen sind.

Und das bedeutet: Die Entscheidungen, die wir treffen, sind wichtig.

Die Tora endet mit den Segnungen Moses für die Stämme Israels.

Und unmittelbar danach beginnt sie wieder mit einem einzigen Menschen.

Vielleicht ist das die Botschaft davon, dass wir heute Abend die Tora wieder von vorne beginnen:

Wir erben eine Tradition, aber nicht unsere moralischen Entscheidungen.

Wir erben eine Geschichte, aber wir sind selbst dafür verantwortlich, was wir daraus machen.

Und jedes Jahr, wenn wir die Tora wieder von vorne beginnen, werden wir daran erinnert:

Auch wir können immer wieder neu anfangen.