Paraschat Ki Teze enthält eine außergewöhnlich große Zahl an Mizwot – mehr als jeder andere Wochenabschnitt der Tora. Sie beschäftigen sich mit fast allen Bereichen des Lebens: Ehe und Familie, Arbeit und Geschäfte, Besitz und Landwirtschaft, Gerichte und Armut sowie dem Verhältnis zwischen Nachbarn.
Auf den ersten Blick können diese Gebote wie eine lange, manchmal zusammenhanglose Liste wirken. Aber dahinter steht eine gemeinsame und wichtige Frage:
Wie bauen wir eine gute Gesellschaft, eine bessere Gemeinschaft? Wie schaffen wir gute Beziehungen zwischen Menschen?
Eines der Gebote lautet:
„Du sollst nicht zusehen, wie das Rind oder das Schaf deines Bruders sich verirrt, und dich nicht darum kümmern. Du sollst es deinem Bruder zurückbringen.“ (Deuteronomium 22,1)
Die Tora hätte einfach sagen können: Wenn du ein verlorenes Tier findest, bring es seinem Besitzer zurück.
Aber stattdessen sagt sie, dass das Tier „deinem Bruder“ gehört.
Bei dieser Mizwa geht es deshalb nicht nur um Besitz. Es geht darum, wie wir die Menschen neben uns sehen.
Die Idee der Brüderlichkeit hat auch seit der Französischen Revolution eine wichtige Rolle im politischen Denken gespielt – zusammen mit den berühmten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Seitdem haben sich Denker und politische Philosophen immer wieder mit der Frage beschäftigt:
Wie bauen wir eine gerechte Gesellschaft?
Ein wichtiger Unterschied ist, dass das moderne politische Denken oft mit der Frage nach den Rechten beginnt:
Was steht mir zu? Was schuldet mir die Gesellschaft?
Die Tora stellt die Frage oft aus einer anderen Richtung:
Was schulde ich anderen? Was sind meine Pflichten und meine Verantwortung?
Eine Gemeinschaft funktioniert am besten, wenn ihre Mitglieder nicht nur fragen, was sie von ihr bekommen können, sondern auch, was sie selbst zu ihr beitragen können.
Das ist die Botschaft hinter den Worten der Tora:
אַל תִּתְעַלֵּם – „Sieh nicht weg.“
Tu nicht so, als hättest du nichts gesehen.
Wenn du siehst, dass etwas einem anderen Menschen gehört, hast du die Verantwortung, es ihm zurückzugeben.
Es geht also nicht nur um mein Recht, etwas zu besitzen. Ich habe auch die Pflicht, den Besitz eines anderen zu schützen.
Die Tora geht in unserer Parascha aber noch einen Schritt weiter. Verantwortung für andere bedeutet nicht nur, auf das zu reagieren, was wir gerade vor unseren Augen sehen. Sie bedeutet auch, an die Zukunft zu denken.
Das erinnert an eine bekannte Geschichte über Choni HaMe’agel, die im Talmud erzählt wird.
Eines Tages sah Choni einen alten Mann, der einen Karobbaum pflanzte. Choni fragte ihn: „Wie viele Jahre wird es dauern, bis dieser Baum Früchte trägt?“
Der Mann antwortete: „Siebzig Jahre.“
Choni war erstaunt und fragte ihn: „Glaubst du wirklich, dass du noch siebzig Jahre leben wirst und von diesem Baum essen kannst?“
Der Mann antwortete: „Als ich auf die Welt kam, fand ich bereits Karobbäume vor, die meine Vorfahren für mich gepflanzt hatten. So wie sie für mich gepflanzt haben, pflanze ich für meine Kinder und Enkel.“
In dieser Antwort steckt ein grundlegender Gedanke über Verantwortung und Gemeinschaft. Wir leben nicht nur von dem, was andere heute für uns tun. Wir profitieren jeden Tag von Dingen, die Menschen vor uns geschaffen, aufgebaut und bewahrt haben. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht nur darin, zu fragen, was wir von unserer Gesellschaft bekommen. Wir müssen uns auch fragen, was wir selbst für andere hinterlassen.
Das steht unmittelbar in Verbindung mit der Botschaft unserer Parascha. Wenn die Tora sagt: אַל תִּתְעַלֵּם – „Sieh nicht weg“, geht es zunächst darum, die Not oder das Problem eines anderen Menschen wahrzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Aber diese Haltung kann noch weiter gehen. Eine Gemeinschaft entsteht nicht nur dadurch, dass wir auf die Bedürfnisse anderer reagieren, wenn wir sie unmittelbar vor uns sehen. Sie entsteht auch dadurch, dass wir bereit sind, für eine Zukunft zu arbeiten, die wir selbst vielleicht gar nicht mehr erleben werden.
Der alte Mann pflanzt einen Baum, obwohl er weiß, dass wahrscheinlich nicht er selbst von seinen Früchten essen wird. Er tut es trotzdem, weil er verstanden hat: So wie ich von dem profitiert habe, was andere vor mir getan haben, trage auch ich Verantwortung für diejenigen, die nach mir kommen.
Vielleicht ist das eine der tiefsten Bedeutungen von אַל תִּתְעַלֵּם. „Sieh nicht weg“ bedeutet nicht nur: Sieh den Menschen neben dir an und hilf ihm. Es bedeutet auch: Verschließe deine Augen nicht vor deiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und der Zukunft.
Eine gute Gesellschaft entsteht nicht allein dadurch, dass jeder seine eigenen Rechte kennt und verteidigt. Sie entsteht dadurch, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – füreinander, für ihre Gemeinschaft und für die nächste Generation.
Wir sind heute die Empfänger von etwas, das andere vor uns aufgebaut haben. Und irgendwann werden andere von dem leben, was wir heute aufbauen.
Unsere Aufgabe ist deshalb nicht nur, die Früchte zu genießen, die andere für uns gepflanzt haben. Unsere Aufgabe ist es auch, selbst Bäume zu pflanzen – auch wenn wir wissen, dass vielleicht andere die Früchte davon ernten werden.