Eine Handvoll Mehl
Gestern haben wir über König Agrippa und seine tausend Opfer gesprochen – und über einen Mann, der die Hälfte dessen, was er täglich zum Leben brauchte, als Opfer darbrachte.
Heute möchte ich einen anderen Midrasch betrachten. Er erzählt von einer Frau, die eine kleine Handvoll Mehl als Opfer in den Tempel brachte. Ein Priester sah ihr Opfer und machte sich über sie lustig: „Schaut, was diese Menschen als Opfer bringen! Was kann man davon überhaupt essen? Und was soll man damit opfern?“
In der Nacht erschien ihm im Traum eine Botschaft: „Verachte sie nicht. Es ist, als hätte sie ihre eigene Seele geopfert.“
Diese Geschichte berührt eine sehr menschliche Erfahrung. Manchmal haben wir das Gefühl, dass das, was wir geben, nicht genug ist. Wir denken, dass wir mehr tun, mehr geben oder mehr leisten sollten. Und vielleicht stimmt das manchmal auch. Gleichzeitig sollten wir anerkennen, dass nicht nur andere Menschen das geben, was ihnen möglich ist – auch wir selbst können nur das geben, was wir haben.
Es ist richtig, immer nach mehr zu streben und sich weiterzuentwickeln. Aber ebenso wichtig ist es, dankbar dafür zu sein, wie weit wir bereits gekommen sind. Unser Beitrag muss nicht groß erscheinen, um wertvoll zu sein. Sein Wert liegt nicht allein in seiner Größe, sondern darin, was er für uns bedeutet.
Gott braucht unser Opfer nicht – wir brauchen es. Ein Opfer muss für uns selbst von Bedeutung sein. Es soll etwas von uns enthalten: unsere Zeit, unsere Anstrengung, unseren Verzicht und letztlich einen Teil unserer Seele.
Auch wenn wir nur eine Handvoll Mehl geben können, ist das nicht nichts. Es ist ein Anfang. Beim nächsten Mal können wir vielleicht mehr mitbringen. Aber schon jetzt beschäftigen wir uns mit dem Göttlichen, geben etwas von uns und bringen ein Opfer dar. Vielleicht liegt gerade darin die tiefere Botschaft des Midrasch: Der Wert eines Opfers wird nicht daran gemessen, wie groß es für andere aussieht, sondern daran, was es für den Menschen bedeutet, der es gibt.
So können wir auch auf diese Zeit, kurz vor dem Ende dieses heiligen Tages, zurückblicken. Wir haben gegeben, was wir geben konnten: unsere Gebete und unser Fasten, unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit, unseren Körper und unsere Seele. Vielleicht war es nicht vollkommen. Vielleicht hätten wir an manchen Stellen mehr geben können. Aber wir waren da, wir haben uns bemüht, und wir haben etwas gegeben.
Nun können wir noch ein kleines bisschen mehr geben – vielleicht nur eine Handvoll Mehl. Noch ein Gebet, noch einen Moment der Konzentration, bevor dieser Tag zu Ende geht. Und dann dürfen wir darauf hoffen, dass auch aus diesem kleinen Opfer etwas Größeres entstehen kann: ein neues Jahr voller Segen, Sinn und Hoffnung.
שנה טובה וגמר חתימה טובה
Schana Towa und G’mar Chatima Towa.