Aktuelles

Rosch Haschana – Eine neue Zugreise

Vor ein paar Tagen, als ich in Hannover angekommen bin, musste ich mit dem Zug nach Braunschweig fahren. Ich kam am Bahnhof an, schaute auf die Anzeigetafel und sah, dass mein Zug gerade abfahren würde. Also tat ich, was jeder erfahrene Reisende macht, wenn er seinen Zug zu verpassen droht: Ich fing an zu rennen.

Ich kam auf den Bahnsteig, und da war er – der Zug nach Braunschweig. Im Zug saßen nur wenige Menschen, aber auf dem Bahnsteig stand eine große Menschenmenge. Ich dachte mir: „Gut. Ich bin richtig. All diese Menschen warten auf denselben Zug.“ Also stellte ich mich zu ihnen. Und wir warteten. Und warteten.

Und dann fuhr der Zug nach Braunschweig einfach ab. Und ich und die Menschenmenge blieben stehen.

In diesem Moment wurde mir etwas klar: Diese Menschen warteten gar nicht auf den Zug, auf den ich wartete. Sie warteten auf den nächsten Zug – wahrscheinlich nach Bremen. Ich stand bei der falschen Menschenmenge.

Ich wollte nach Braunschweig, und sie wollten woandershin. Und das Lustige daran ist: Ich hatte meinen Zug sogar gesehen. Ich wusste, wohin ich wollte. Aber ich vertraute der Menschenmenge mehr als meinen eigenen Augen. Und so verpasste ich meinen Zug.

Der Weg im Leben und in der Gemeinde

Es ist nur eine kleine Geschichte von einem Bahnhof, aber jeder von uns hat ein Ziel. Jeder von uns hat eine Vorstellung davon, wohin sein Leben gehen soll – als Einzelner, als Familie, als Gemeinde und als Mensch.

Natürlich sollen wir auf andere Menschen schauen. Wir lernen von ihnen. Wir hören ihnen zu. Wir brauchen andere Menschen. Aber es gibt eine Gefahr darin, einfach der Menge zu folgen. Denn die Menschen um uns herum können auf dem Weg zu einem völlig anderen Ziel sein. Ihre Prioritäten sind vielleicht nicht unsere. Ihre Werte sind vielleicht nicht unsere. Ihr Ziel ist vielleicht nicht unser Ziel.

Und manchmal können wir sehr viel Zeit damit verbringen, sicherzustellen, dass wir im selben Zug wie alle anderen sitzen – ohne uns die wichtigere Frage zu stellen: Wohin fährt dieser Zug eigentlich?

Rosch Haschana als Bahnhof im jüdischen Jahr

Rosch Haschana ist wie ein Bahnhof im jüdischen Jahr. Wir halten an. Wir schauen uns um. Wir blicken zurück auf den Weg, den wir gegangen sind, und schauen nach vorne auf den Weg, den wir gehen wollen. Wir fragen uns: Was haben wir in diesem Jahr getan? Was habe ich gut gemacht? Wo habe ich Fehler gemacht? Wen habe ich verletzt? Was habe ich gelernt? Was möchte ich verändern?

Und vielleicht sollten wir uns auch fragen: Bin ich im richtigen Zug? Bin ich wirklich in die Richtung unterwegs, in die ich gehen möchte? Oder folge ich einfach den Menschen um mich herum? Lebe ich nach meinen eigenen Werten – oder nach das, was ich glaube, dass andere von mir erwarten? Sind meine Prioritäten wirklich meine Prioritäten?

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Rosch Haschana ein so wichtiger Moment im jüdischen Kalender ist. Es ist nicht nur ein neuer Anfang. Es ist ein Moment des Innehaltens. Ein Moment des Hinschauens. Ein Moment des Erinnerns.

Die Tora nennt diesen Tag Zikhron Teru’a – einen Gedenktag, der mit dem Schofar verbunden ist. Und auch der Schofar selbst unterbricht uns. Er unterbricht den normalen Rhythmus unseres Lebens. Für einen Moment steigen wir aus dem Zug unseres Alltags und hören zu. Wir erinnern uns daran, woher wir kommen. Und wir fragen uns, wohin wir gehen.

Erinnerung und Wandel

Dieses Jahr fällt Rosch Haschana auf einen Termin, der für viele Menschen weltweit eine weitere sehr starke Erinnerung mit sich bringt. Für die meisten Menschen außerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist heute nicht der erste Tag des Monats Tischri. Es ist der 11. September.

Vor fünfundzwanzig Jahren, am 11. September 2001, hat sich die Welt verändert. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Tag. Ich war mit einem Freund in Finnland. Wir waren irgendwo im Norden des Landes unterwegs, in Lappland.

Wir hielten an einer Tankstelle, um zu tanken. Mein Freund kam zurück und erzählte mir, was er im Fernsehen gesehen hatte. Wir hatten kein Radio, das wir verstehen konnten, und keine Möglichkeit, genau zu erfahren, was gerade passierte. Also fuhren wir einfach weiter.

Ich erinnere mich an dieses merkwürdige Gefühl: Wir waren mitten im Nirgendwo und wussten, dass irgendwo auf der Welt etwas Gewaltiges geschah – aber wir wussten eigentlich nicht genau, was.

Heute ist es schwer, sich eine solche Situation vorzustellen. Wir leben in einer Welt, in der die Informationen uns überallhin folgen. Wir können fast sofort erfahren, was auf der anderen Seite der Welt passiert.

Aber an diesem Abend in Finnland fuhren wir einfach durch Lappland und versuchten zu verstehen, was geschehen war.

Und jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, schaue ich zurück und merke, wie viel sich verändert hat. Die Welt hat sich verändert. Die Technologie hat sich verändert. Die Politik hat sich verändert. Die jüdische Welt hat sich verändert. Und auch mein eigenes Leben hat sich gewaltig verändert.

Vor fünfundzwanzig Jahren hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich eines Tages hier in Braunschweig stehen und an Rosch Haschana zu Ihnen sprechen würde.

Der Blick nach vorne und die Kraft der Teshuva

Keiner von uns weiß genau, wohin der Zug unseres Lebens uns bringen wird. Wir können die ganze Strecke nicht sehen. Wir wissen nicht, welche Bahnhöfe noch vor uns liegen. Aber von Zeit zu Zeit können wir anhalten und auf das Schild schauen. Wir können uns fragen, ob wir noch in die richtige Richtung fahren.

Und vielleicht ist genau das die Frage, die Rosch Haschana uns stellt. Nicht, dass wir alles schon wissen müssen. Nicht, dass wir genau wissen müssen, wo wir in einem Jahr stehen werden. Sondern einfach, dass wir lange genug anhalten, um zu fragen: Ist das der Weg, den ich gehen möchte? Ist das der Mensch, der ich werden möchte? Ist das die Gemeinde, die wir gemeinsam aufbauen möchten?

Und wenn die Antwort nein ist, gibt es eine gute Nachricht: Der Zug ist noch nicht am Endbahnhof angekommen. Wir können aussteigen. Wir können die Richtung ändern. Wir können einen anderen Zug nehmen. Das ist die Möglichkeit der Teshuva – der Umkehr, der Rückkehr, der Veränderung unserer Richtung.

Und vielleicht ist das die tiefere Botschaft des Schofars. Der Schofar gibt uns keine Landkarte. Er sagt uns nicht genau, welchen Zug wir nehmen sollen. Er weckt uns einfach auf. Er sagt: Halt an. Hör zu. Erinnere dich. Schau dich um. Und entscheide, wohin du gehen möchtest.

An diesem Rosch Haschana, wenn wir in das Jahr 5787 eintreten, wünsche ich uns allen den Mut, ehrlich auf den Weg zurückzuschauen, den wir gegangen sind, die Weisheit, unsere Richtung bewusst zu wählen, und die Kraft, den Zug zu wechseln, wenn wir feststellen, dass wir in die Richtung fahren.

Schana Towa uMetuka. Möge es ein gutes und süßes Jahr für uns alle werden.